Easing im Motion Design: So werden deine Animationen lebendig

Bewegung ist ein fundamentaler Bestandteil unserer visuellen Wahrnehmung. Im Motion Design geht es darum, diese Bewegung gezielt einzusetzen, um Informationen zu vermitteln, Aufmerksamkeit zu lenken oder Emotionen zu wecken. Doch nicht jede Bewegung ist gleich. Eine Animation, bei der sich ein Objekt einfach nur linear von A nach B verschiebt, wirkt oft steril, mechanisch und unnatürlich. Hier kommt das Konzept des Easings ins Spiel. Easing ist weit mehr als nur ein technisches Detail; es ist eine Kunstform, die auf den Prinzipien der Physik und der menschlichen Wahrnehmung basiert. Es beschreibt, wie sich die Geschwindigkeit einer Animation über die Zeit verändert – also die Beschleunigung und Verzögerung von Bewegung. Ohne Easing wirken Animationen oft wie von einem Roboter ausgeführt, dem jegliches Gefühl für Rhythmus und Natürlichkeit fehlt. Denkt man an die reale Welt, so startet oder stoppt kaum ein Objekt abrupt mit voller Geschwindigkeit. Ein Auto fährt langsam an, beschleunigt und bremst dann wieder sanft ab. Ein Ball, der geworfen wird, verliert an Geschwindigkeit, bevor er den höchsten Punkt erreicht und wieder beschleunigt. Genau diese Nuancen sind es, die Easing in die digitale Welt des Motion Designs überträgt. Es ist der Schlüssel, um Animationen nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend und glaubwürdig zu gestalten. Die Beherrschung von Easing-Techniken unterscheidet oft eine gute von einer herausragenden Animation und verleiht digitalen Erlebnissen eine spürbar höhere Qualität und Professionalität.

Was dich hier erwartet

    Das Wichtigste auf einen Blick

    Easing ist ein Kernkonzept im Motion Design, das die Beschleunigung und Verzögerung von animierten Elementen steuert. Es sorgt dafür, dass Bewegungen nicht abrupt beginnen oder enden, sondern einem natürlichen, physikalisch glaubwürdigen Verlauf folgen. Statt einer konstanten, linearen Geschwindigkeit ermöglicht Easing sanfte Übergänge, die für das menschliche Auge angenehmer sind und Animationen lebendiger wirken lassen. Es gibt verschiedene grundlegende Easing-Typen wie Ease-In (langsamer Start, dann Beschleunigung), Ease-Out (schneller Start, dann Verlangsamung) und Ease-In-Out (Kombination aus beidem). Durch die Manipulation von Easing-Kurven können Motion Designer den Charakter einer Bewegung präzise definieren und so die visuelle Kommunikation und die User Experience maßgeblich verbessern. Die korrekte Anwendung von Easing ist entscheidend für professionelle und ansprechende Animationen.

    • Easing steuert die Geschwindigkeitsänderung (Beschleunigung/Verzögerung) von Animationen.
    • Es macht Bewegungen natürlicher und glaubwürdiger, indem es reale Physik simuliert.
    • Verhindert abrupte, roboterhafte Animationen und sorgt für Geschmeidigkeit.
    • Die Haupttypen sind Linear, Ease-In, Ease-Out und Ease-In-Out.
    • Easing-Kurven im Graph Editor erlauben eine feine, individuelle Steuerung des Bewegungscharakters.
    • Verbessert die User Experience und die allgemeine visuelle Ästhetik erheblich.
    • Ein fundamentales Prinzip für jedes professionelle Motion Design.

    Was ist Easing eigentlich? Mehr als nur Start und Ziel einer Bewegung

    Im Kern beschreibt Easing die Art und Weise, wie sich die Geschwindigkeit einer Animation zwischen zwei definierten Zuständen – typischerweise Keyframes – verändert. Anstatt dass ein Objekt mit konstanter Geschwindigkeit von Punkt A nach Punkt B schnellt (was als lineare Bewegung bezeichnet wird), führt Easing eine variable Geschwindigkeit ein. Es geht also nicht nur darum, dass sich etwas bewegt und wohin es sich bewegt, sondern vor allem wie es sich bewegt. Man kann es sich vorstellen wie das Anfahren und Abbremsen eines Fahrzeugs: Es startet nicht sofort mit Höchstgeschwindigkeit, sondern beschleunigt allmählich (Beschleunigung), und beim Anhalten kommt es nicht abrupt zum Stillstand, sondern verlangsamt seine Fahrt (Verzögerung). Genau dieses Prinzip der Geschwindigkeitsmodulation ist Easing. Es ahmt die Trägheit und die Kräfte nach, die in der realen Welt auf Objekte wirken, und verleiht Animationen dadurch eine organische Qualität. Ohne Easing wirken Bewegungen oft unnatürlich und mechanisch, fast schon abgehackt. Mit Easing hingegen bekommen sie Fluss, Rhythmus und eine gewisse Persönlichkeit, was die gesamte Animation glaubwürdiger und angenehmer für den Betrachter macht. Es ist die subtile Kontrolle über die Interpolation zwischen Keyframes, die den Unterschied ausmacht.

    Die Abwesenheit von Easing, also eine rein lineare Bewegung, ist in der Natur selten. Stellen dir einen Lichtschalter vor – er ist entweder an oder aus. Das ist linear. Aber eine Tür, die sich öffnet, ein Ball, der geworfen wird, oder sogar das Blinzeln eines Auges – all diese Bewegungen haben eine Phase der Beschleunigung und eine der Verzögerung. Easing im Motion Design erkennt diese Realität an und nutzt sie, um digitale Bewegungen intuitiver zu gestalten. Wichtig ist dabei, dass Easing nicht nur auf die Veränderung der Position eines Objekts angewendet werden kann. Jede animierbare Eigenschaft, sei es Skalierung, Deckkraft, Rotation oder sogar Farbänderungen, kann und sollte oft mit Easing versehen werden, um einen harmonischen Gesamteindruck zu erzielen. Die subtile Anpassung des Timings und der Geschwindigkeitskurven hat einen enormen psychologischen Einfluss: Weiche, fließende Bewegungen werden als angenehmer und professioneller wahrgenommen. Es ist ein fundamentales Werkzeug, das Animationen von einer reinen Zustandsänderung zu einer erzählerischen und emotional ansprechenden Bewegung erhebt.

    Merke

    Easing ist die Kunst, die Geschwindigkeit einer Animation zwischen zwei Zuständen (Keyframes) so zu steuern, dass sie natürlich und ansprechend wirkt. Es geht darum, wie ein Objekt von Punkt A nach Punkt B gelangt – ob es langsam startet und dann beschleunigt (Ease-In), schnell startet und dann abbremst (Ease-Out) oder eine Kombination davon. Ohne Easing wirken Bewegungen oft mechanisch und leblos.

    • Steuert die Geschwindigkeitsänderung einer Animation.
    • Simuliert physikalische Kräfte wie Trägheit und Reibung.
    • Ist entscheidend für den Flow und die Natürlichkeit einer Animation.
    • Betrifft nicht nur Position, sondern alle animierbaren Eigenschaften.

    Warum Easing den Unterschied macht: Von hölzern zu harmonisch

    Der Einsatz von Easing ist oft das, was eine amateurhafte Animation von einer professionellen unterscheidet. Ohne Easing wirken Bewegungen abrupt, mechanisch und fast schon unhöflich gegenüber dem Auge des Betrachters. Man stelle sich eine digitale Schaltfläche vor, die ohne jede Verzögerung einfach an eine neue Position springt – es fühlt sich unnatürlich an und kann sogar irritierend sein. Mit Easing hingegen gleitet dieselbe Schaltfläche sanft an ihren neuen Platz, vielleicht mit einer leichten Beschleunigung zu Beginn und einer sanften Abbremsung am Ende. Dieser Unterschied ist nicht nur ästhetischer Natur. Easing trägt maßgeblich zur User Experience (UX) bei, besonders in interaktiven Anwendungen und auf Webseiten. Es macht Übergänge verständlicher, lenkt den Blick auf subtile Weise und kann sogar die wahrgenommene Performance einer Anwendung verbessern. Das Prinzip „Slow In and Slow Out“, eines der zwölf Grundprinzipien der Animation von Disney, ist im Grunde eine Beschreibung von Easing. Es besagt, dass Bewegungen in der Regel langsam beginnen, dann beschleunigen und schließlich wieder langsam auslaufen. Diese Technik hilft, die Lesbarkeit von Bewegung zu erhöhen und verleiht animierten Objekten Gewicht und Glaubwürdigkeit. Der Kontrast ist deutlich: Von einer „hölzernen“, fast schon starren Bewegung hin zu einer harmonischen, fließenden und organischen Darstellung.

    Vorteile von Easing
    • Natürlichere und glaubwürdigere Bewegungen, die physikalische Prinzipien widerspiegeln.
    • Verbesserte visuelle Ästhetik und ein deutlich professionellerer Gesamteindruck.
    • Erhöhte Benutzerfreundlichkeit und eine positivere User Experience, besonders bei UI-Animationen.
    • Bessere Führung des Betrachterauges und klarere Kommunikation von Veränderungen.
    • Mehr Ausdruckskraft und Charakter für animierte Elemente und ganze Szenen.
    • Reduziert das Gefühl von Abruptheit und „Härte“, macht Animationen weicher.
    • Ermöglicht subtile Nuancen und eine präzise Feinabstimmung des Bewegungsgefühls.
    Nachteile (von fehlendem oder falschem Easing)
    • Roboterhafte, unnatürliche und oft als „billig“ empfundene Bewegungen.
    • Minderwertiger, unprofessioneller und weniger ansprechender Eindruck der gesamten Animation.
    • Kann den Betrachter irritieren, ablenken oder sogar zu einer schlechten UX führen.
    • Erschwert das Verfolgen komplexer Animationen, da abrupte Änderungen schwerer zu verarbeiten sind.
    • Animationen wirken leblos, ohne Gewicht und ohne jegliche Persönlichkeit.
    • Kann bei schnellen, linearen Bewegungen besonders störend und unästhetisch wirken.

    Easing verleiht Objekten nicht nur eine angenehmere Bewegung, sondern kann ihnen auch scheinbares Gewicht und Masse geben. Ein schweres Objekt würde langsamer beschleunigen und abbremsen als ein leichtes. Durch die Anpassung der Easing-Kurven kann ein Motion Designer diese physikalischen Eigenschaften simulieren und so die Illusion von Realismus verstärken. Ein Ball, der auf den Boden fällt, wird durch Easing beim Aufprall und beim Abprallen viel überzeugender wirken. Ein Menü, das von der Seite herein gleitet, fühlt sich mit einem sanften Ease-Out am Ende viel fertiger an. Darüber hinaus kann Easing auch subtil zum Storytelling beitragen oder eine bestimmte Stimmung erzeugen. Eine zögerliche Bewegung könnte durch ein langes Ease-In dargestellt werden, während eine schnelle, entschlossene Aktion ein kurzes, kräftiges Ease-Out haben könnte. Es ist diese Fähigkeit, Emotion und Absicht durch die reine Qualität der Bewegung zu vermitteln, die Easing zu einem so mächtigen Werkzeug macht. Die Beherrschung dieser Technik ist ein klares Zeichen für handwerkliches Können und ein tiefes Verständnis für die Prinzipien guter Animation.

    Die wichtigsten Easing-Arten: Linear, Ease-In, Ease-Out und ihre Wirkung

    Obwohl die Möglichkeiten zur Gestaltung von Bewegungsabläufen nahezu unbegrenzt sind, gibt es einige grundlegende Easing-Typen, die als Bausteine für komplexere Animationen dienen. Die einfachste Form ist die lineare Bewegung. Hierbei bewegt sich ein Objekt mit einer konstanten Geschwindigkeit von seinem Start- zum Endpunkt. Es gibt keine Beschleunigung oder Verzögerung. Obwohl dies oft unnatürlich wirkt, hat lineares Easing seine Berechtigung, beispielsweise bei sich endlos wiederholenden Zyklen wie einem rotierenden Ladebalken oder einem durchlaufenden Nachrichtenticker, wo ein sanfter Start und Stopp nicht erwünscht sind. Die eigentliche Magie beginnt jedoch mit den nicht-linearen Easing-Funktionen. Ease-In, auch als „Slow In“ bekannt, beschreibt eine Bewegung, die langsam startet und dann allmählich schneller wird. Dies erzeugt oft ein Gefühl der Antizipation oder des Aufbaus von Energie. Man kann es sich vorstellen wie ein Auto, das von 0 auf 100 km/h beschleunigt. Im Gegensatz dazu steht Ease-Out („Slow Out“): Die Bewegung beginnt schnell und wird dann zum Ende hin langsamer, bis sie sanft zum Stillstand kommt. Dies vermittelt ein Gefühl des Ankommens oder Abklingens, ähnlich wie ein Auto, das an einer Ampel ausrollt. Die wohl am häufigsten verwendete und oft als am natürlichsten empfundene Variante ist Ease-In-Out, eine Kombination aus beidem: Die Bewegung startet langsam, beschleunigt in der Mitte und verlangsamt sich dann wieder sanft zum Ende hin. Diese Art von Easing ahmt viele alltägliche Bewegungen am besten nach.

    Innerhalb der Kategorien Ease-In, Ease-Out und Ease-In-Out gibt es weitere Abstufungen, die oft nach mathematischen Funktionen benannt sind, wie Quadratisch (Quad), Kubisch (Cubic), Quartisch (Quart), Quintisch (Quint), Exponentiell (Expo), Zirkulär (Circ) oder Sinusförmig (Sine). Diese Bezeichnungen deuten auf die Intensität oder Form der Beschleunigungs- bzw. Verzögerungskurve hin. Eine Expo-Kurve beispielsweise erzeugt eine sehr starke Beschleunigung/Verzögerung, während eine Sine-Kurve sanfter ist. Darüber hinaus existieren noch ausdrucksstärkere Easing-Typen wie Elastic, das einen federnden, elastischen Effekt erzeugt, Bounce, das einen abprallenden Effekt simuliert, oder Back, bei dem die Animation leicht über ihr Ziel hinausschießt und dann zurückkehrt. Die Wahl des richtigen Easing-Typs und seiner Intensität hängt stark vom Kontext ab: Was wird animiert? Welche Botschaft soll vermittelt werden? Welchen Charakter hat das Objekt oder die Marke?

    Easing-Kurven meistern: So gibst du Bewegungen Charakter

    Während vordefinierte Easing-Typen wie „Ease-In“ oder „Ease-Out“ einen guten Ausgangspunkt bieten, liegt die wahre Kraft und Flexibilität des Easings in der direkten Manipulation von Easing-Kurven. Die meisten professionellen Animationsprogramme, wie beispielsweise Adobe After Effects, verfügen über einen sogenannten Graph Editor (oder Kurveneditor). Dieses Werkzeug visualisiert die Geschwindigkeit oder den Wert einer animierten Eigenschaft über die Zeit als eine Kurve. Typischerweise repräsentiert die horizontale Achse (X-Achse) die Zeit und die vertikale Achse (Y-Achse) entweder den animierten Wert selbst (z.B. Pixelposition, Prozent Deckkraft) oder die Änderungsrate dieses Wertes, also die Geschwindigkeit. Die Form dieser Kurve bestimmt exakt, wie sich die Animation anfühlt. Eine flache Kurve bedeutet eine langsame Bewegung oder gar Stillstand, während eine steile Kurve eine schnelle Bewegung anzeigt. An den Punkten, die den Keyframes entsprechen, besitzt die Kurve in der Regel Anfasser, sogenannte Bezier-Handles. Durch Ziehen dieser Handles können Motion Designer die Form der Kurve präzise anpassen und somit das Beschleunigungs- und Verzögerungsverhalten bis ins kleinste Detail steuern. Dies ermöglicht es, weit über die Standard-Easings hinauszugehen und Bewegungen einen ganz individuellen Charakter zu verleihen.

    Ansicht als Wertekurve im Graph Editor in After Effects
    • Die X-Achse der Easing-Kurve im Graph Editor stellt immer die Zeit dar, die von links nach rechts fortschreitet.
    • Die Y-Achse kann entweder den Wert der animierten Eigenschaft (z.B. Position, Skalierung) oder die Geschwindigkeit der Wertänderung darstellen.
    • Eine flache Kurve (geringe Steigung) in einer Geschwindigkeitskurve bedeutet eine langsame Bewegung oder Stillstand (Geschwindigkeit nahe Null).
    • Eine steile Kurve (hohe Steigung) in einer Geschwindigkeitskurve bedeutet eine schnelle Bewegung.
    • Durch das Anpassen der Bezier-Handles an den Keyframe-Punkten der Kurve wird die Krümmung und somit das Easing-Verhalten exakt definiert.
    • Ein typisches Ease-In-Out wird in einer Geschwindigkeitskurve oft durch eine S-Form dargestellt: Start bei Geschwindigkeit Null, Anstieg zur Maximalgeschwindigkeit, Abfall zurück zu Geschwindigkeit Null.
    • Die Wertekurve zeigt den direkten Verlauf des animierten Parameters über die Zeit. Hier würde eine S-Kurve bedeuten, dass der Wert selbst einem S-förmigen Pfad folgt.
    • Das Experimentieren mit verschiedenen Kurvenformen ist essenziell, um ein Gefühl für deren Auswirkungen zu entwickeln und subtile, ausdrucksstarke Bewegungen zu kreieren.

    Die Fähigkeit, Easing-Kurven zu lesen und zu manipulieren, ist ein entscheidender Skill für jeden Motion Designer. Unterschiedliche Kurvenformen erzeugen völlig unterschiedliche Wahrnehmungen der Bewegung. Eine Kurve, die schnell ansteigt und dann abrupt abflacht, kann einen Aufprall oder ein plötzliches Stoppen suggerieren. Eine lange, sanft ansteigende und dann ebenso sanft abfallende Kurve erzeugt eine sehr weiche, fast schwebende Bewegung. Mit benutzerdefinierten Kurven lassen sich einzigartige Bewegungsstile entwickeln, die zum Branding eines Unternehmens passen oder eine bestimmte Emotion unterstreichen. Es geht darum, ein intuitives Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich die Form der Kurve in das tatsächliche Bewegungsgefühl übersetzt. Die Beobachtung von Bewegungen in der realen Welt – wie ein Blatt im Wind fällt oder ein Sportler zum Sprung ansetzt – kann eine unschätzbare Inspirationsquelle für die Gestaltung von Easing-Kurven sein. Es ist dieser Grad an Detailkontrolle, der es ermöglicht, Animationen nicht nur technisch korrekt, sondern auch emotional resonant und ästhetisch ansprechend zu gestalten. Hier unterscheidet sich der Anfänger vom Profi: in der Fähigkeit, Bewegung nicht nur zu erzeugen, sondern ihr durchdacht und mit Feingefühl Persönlichkeit zu verleihen.

    Praktische Easing-Tipps

    Die Theorie des Easings zu verstehen ist eine Sache, sie gekonnt in der Praxis anzuwenden eine andere. Ein fundamentaler Tipp ist, die Bewegungen der realen Welt genau zu beobachten. Wie beschleunigt ein Auto? Wie fällt ein Blatt vom Baum? Wie öffnet sich eine schwere Tür im Vergleich zu einer leichten? Diese Beobachtungen schulen das Auge und das Gespür für natürliches Timing und Gewicht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, es mit dem Easing nicht zu übertreiben. Oft ist subtiles Easing wirkungsvoller. Übermäßig federnde oder elastische Effekte können schnell unprofessionell oder kindisch wirken, wenn sie nicht zum Kontext passen. Das Easing sollte immer an das animierte Objekt und dessen wahrgenommenes Gewicht und Material angepasst werden. Schwere Objekte benötigen in der Regel längere Beschleunigungs- und Verzögerungsphasen als leichte. Innerhalb eines Projekts ist es ratsam, eine gewisse Konsistenz im Easing-Stil zu wahren, um einen harmonischen Gesamteindruck zu erzeugen. Das bedeutet nicht, dass jede Animation identisch sein muss, aber die grundlegende „Sprache“ der Bewegung sollte kohärent sein. Nicht zuletzt spielt der Kontext eine entscheidende Rolle: Animationen in einer Benutzeroberfläche (UI) erfordern oft ein schnelles, reaktionsfreudiges Easing, das den Nutzer nicht ausbremst, während narrative Animationen oder Charakteranimationen sich mehr Zeit für ausdrucksstarke Bewegungen nehmen können.

    Für UI-Elemente gilt: Easing sollte die Benutzerfreundlichkeit unterstützen, nicht behindern. Animationen müssen hier oft „snappy“, also schnell und direkt, wirken, um den Nutzerfluss nicht zu unterbrechen. Ein leichtes Ease-Out am Ende einer Bewegung kann jedoch auch hier Wunder wirken, um den Übergang weicher zu gestalten. Es ist hilfreich, sich Referenzmaterial anzusehen. Analysiere herausragende Motion-Design-Arbeiten und versuche zu verstehen, wie und warum bestimmte Easing-Entscheidungen getroffen wurden. Das Wichtigste ist jedoch das kontinuierliche Testen und Iterieren. Was in der Theorie gut aussieht oder sich im Graph Editor richtig anfühlt, muss in der tatsächlichen Animation nicht immer perfekt funktionieren. Scheue dich nicht, Anpassungen vorzunehmen, bis das Ergebnis überzeugt. Vertiefe dein Wissen über die Easing-Werkzeuge deiner bevorzugten Software – insbesondere den Graph Editor. Und denke immer über die emotionale Wirkung deiner Animationen nach. Ein langsames Ease-In kann Spannung oder Erwartung aufbauen, ein schnelles, knackiges Ease-Out kann Entschlossenheit oder Effizienz vermitteln.

    Gutes Easing ist oft dann am besten, wenn man es nicht bewusst wahrnimmt – sein Fehlen oder eine schlechte Umsetzung fallen jedoch sofort negativ auf. Es geht darum, die intuitiven Erwartungen des Betrachters an natürliche und angenehme Bewegung zu erfüllen. Weniger ist oft mehr; übertriebenes oder unpassendes Easing kann eine Animation schnell ruinieren. Der Schlüssel liegt in der Subtilität, der Anpassung an den jeweiligen Kontext und das zu animierende Objekt sowie in kontinuierlicher Übung und Beobachtung.

    Wie funktioniert Easing in After Effects?

    Adobe After Effects ist eines der führenden Programme für Motion Design und bietet umfangreiche Werkzeuge zur Steuerung von Easing. Die Grundlage jeder Animation in After Effects sind Keyframes. Wenn man zwei Keyframes für eine Eigenschaft (z.B. Position) setzt, interpoliert After Effects standardmäßig linear zwischen ihnen, was bedeutet, dass sich das Objekt mit konstanter Geschwindigkeit bewegt. Um Easing anzuwenden, gibt es mehrere Wege. Die einfachste Methode sind die sogenannten „Keyframe Assistants“: Man wählt einen oder mehrere Keyframes aus, klickt mit der rechten Maustaste und wählt unter „Keyframe Assistant“ Optionen wie Easy Ease (F9), Easy Ease In oder Easy Ease Out. „Easy Ease“ wendet ein sanftes Ease-In und Ease-Out an, „Easy Ease In“ nur ein Ease-In (langsam starten) und „Easy Ease Out“ nur ein Ease-Out (langsam enden). Für eine präzisere Kontrolle ist der Graph Editor (Kurveneditor) unerlässlich. Dieses Fenster visualisiert, wie sich die Werte oder die Geschwindigkeit einer Eigenschaft über die Zeit verändern. Ein entscheidender Punkt in After Effects ist das Verständnis der zwei Hauptansichten im Graph Editor: der Geschwindigkeitskurve (Speed Graph) und der Wertekurve (Value Graph). Die Fähigkeit, zwischen diesen beiden Ansichten zu wechseln und ihre jeweilige Funktionsweise zu verstehen, ist fundamental für die Feinabstimmung von Animationen. Zusätzlich bietet das Dialogfeld „Keyframe-Geschwindigkeit“ (erreichbar über Rechtsklick auf einen Keyframe > Keyframe Velocity, oder Strg+Shift+K / Cmd+Shift+K) numerische Kontrolle über Einfluss und Geschwindigkeit an den Keyframes.

    Ansicht als Wertekurve im Graph Editor in After Effects
    Ansicht als Geschwindigkeitskurve im Graph Editor in After Effects
    AspektGeschwindigkeitskurve (Speed Graph)Wertekurve (Value Graph)
    Y-Achse zeigtDie Geschwindigkeit der Änderung des animierten Werts pro Zeiteinheit (z.B. Pixel pro Sekunde, Grad pro Sekunde). Die Höhe der Kurve entspricht der Geschwindigkeit.Den tatsächlichen Wert der animierten Eigenschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt (z.B. X-Position ist 200 Pixel, Deckkraft ist 50%).
    Form der Kurve bei „Easy Ease“ (F9)Eine glockenförmige Kurve: startet bei Geschwindigkeit 0, beschleunigt auf ein Maximum in der Mitte und bremst wieder auf Geschwindigkeit 0 ab.Eine S-förmige Kurve, die den sanften Übergang des Wertes selbst von einem Keyframe zum nächsten darstellt.
    BearbeitungsschwerpunktDirekte Manipulation der Beschleunigung und Verzögerung. Bezier-Handles steuern, wie schnell oder langsam die Geschwindigkeit sich ändert. Ideal für das Timing und den Rhythmus der Bewegung.Direkte Manipulation des Werteverlaufs über die Zeit. Bezier-Handles steuern, wie der Wert selbst von einem Keyframe zum nächsten interpoliert wird. Nützlich für räumliche Pfade oder präzise Wertübergänge.
    Typische AnwendungDie häufigste und oft intuitivste Wahl für das Feintuning von Timing und Easing bei den meisten Eigenschaften wie Position (als Ganzes), Skalierung, Drehung, Deckkraft.Besonders nützlich für räumliche Interpolation von Positionseigenschaften (wenn X, Y, Z-Dimensionen getrennt sind), Farbverläufe oder wenn der genaue Wertverlauf wichtiger ist als die reine Geschwindigkeitskontrolle. Auch für Eigenschaften ohne „Geschwindigkeit“ im klassischen Sinn.
    Interpretation einer horizontalen LinieEine horizontale Linie bei Y=0 bedeutet Stillstand (keine Geschwindigkeitsänderung). Eine horizontale Linie oberhalb von Y=0 bedeutet konstante Geschwindigkeit.Eine horizontale Linie bedeutet, dass der Wert konstant bleibt (keine Änderung der Eigenschaft).
    Dimensionen trennen (Position)Kann eine kombinierte Geschwindigkeitskurve für alle Dimensionen oder separate Kurven für X, Y, Z anzeigen, wenn die Dimensionen im Eigenschaftenfenster getrennt wurden.Ermöglicht standardmäßig die separate Bearbeitung der X-, Y- und Z-Wertkurven, sobald die Dimensionen der Positionseigenschaft getrennt sind („Separate Dimensions“).

    Der Unterschied zwischen der Geschwindigkeitskurve und der Wertekurve in After Effects ist fundamental. Die Geschwindigkeitskurve zeigt, wie schnell sich ein Wert ändert. Die Y-Achse stellt hier die Geschwindigkeit dar. Wenn die Kurve hoch ist, ist die Bewegung schnell; ist sie niedrig oder auf Null, ist die Bewegung langsam oder steht still. Die Bezier-Handles an den Keyframes der Geschwindigkeitskurve beeinflussen direkt die Beschleunigung und Verzögerung. Dies ist meist die bevorzugte Ansicht für das Einstellen des Timings und des „Feelings“ einer Bewegung. Die Wertekurve hingegen zeigt den tatsächlichen Wert einer Eigenschaft über die Zeit. Die Y-Achse stellt hier den animierten Wert selbst dar (z.B. die X-Position in Pixeln). Die Bezier-Handles an den Keyframes der Wertekurve beeinflussen, wie der Wert von einem Keyframe zum nächsten interpoliert wird, was besonders nützlich ist, um den räumlichen Pfad einer Bewegung zu glätten oder zu formen, insbesondere wenn die Dimensionen einer Positionseigenschaft getrennt wurden (Rechtsklick auf Position > „Separate Dimensions“). Man kann im Graph Editor unten neben dem Auge zwischen den beiden Ansichten umschalten. Für die meisten Easing-Aufgaben, die das Tempo und den Rhythmus betreffen, ist die Geschwindigkeitskurve die erste Wahl. Für die präzise Kontrolle über den Pfad oder den genauen Werteverlauf, insbesondere bei mehrdimensionalen Eigenschaften wie der Position, kann die Wertekurve sehr mächtig sein. Die Beherrschung beider Kurventypen und ihrer Bearbeitungsmöglichkeiten ist ein Schlüssel zu wirklich professionellem Motion Design in After Effects. Fortgeschrittene Anwender nutzen zudem oft Expressions (kleine Javascript-basierte Skripte), um komplexe oder dynamische Easing-Verhalten zu erzeugen, doch das Keyframe-basierte Easing über den Graph Editor bleibt die Grundlage.

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